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Liebe
Brüder und Schwestern!
1. Sicherlich haben Sie bereits irgendwo das Plakat gesehen,
auf dem zwei betende Hände abgebildet sind und die Bitte
der Jünger an Jesus zu lesen ist: Herr, lehre uns beten!
Nach dem Jahr des Dienens, dem Jahr der Verkündigung und
dem Jahr der Liturgie laden die Bischöfe unseres Landes
die Christen nun zu einem Jahr des Gebetes und der Innerlichkeit
ein.
Nach und nach haben sich die Notwendigkeit und die Zweckmäßigkeit
erwiesen, die Bedeutung des Gebetes hervorzuheben.
Wir müssen uns in der Tat immer wieder darauf besinnen,
dass unser Leben, unser
Handeln, unser Verkündigen, unser liturgisches Feiern,
die Sakramente und insbesondere
die Eucharistie in Gott verwurzelt sind.
Seine Liebe ist die Quelle der Menschheitsgeschichte und der
Geschichte jedes Menschen.
Wir sind nach seinem Bilde geschaffen. Er möchte, dass
wir glücklich sind im Hier und Jetzt und über
den Tod hinaus.
Er hat uns seine treue und erbarmende Liebe in seinem Sohn Jesus
Christus kundgetan, der mitten unter uns Mensch wurde. Heute
wirkt der Heilige Geist in unseren Herzen und in der Welt. Diese
Liebe Gottes sehen wir überall dort am Werk, wo das Evangelium
gelebt wird, wo das Gute geschieht.
Als Kirche sind wir uns dessen bewusst und danken dem Herrn
dafür.
La joie du Seigneur est notre force.
Die Freude am Herrn ist unsere Kraft.
Herr, lehre uns beten!
Hirtenbrief zum Jahr des Gebetes 2005 - 2006
2. Wir sind also tief mit Gott verbunden. Wir leben aus
seiner Liebe.
Es ist gut für den Menschen, dies in Worten oder im Schweigen
zum Ausdruck zu bringen.
Es ist gut und richtig, uns vor Gott zu stellen, ihn als die
Quelle unseres Lebens und
Handelns zu erkennen; ihm alles zu sagen, was unser Herz bewegt;
ihm vertrauensvoll
alles anzutragen.
Beten heißt sich hinwenden zu diesem Gott der Liebe, der
Vater, Sohn und Heiliger Geist ist.
Eine Begebenheit aus dem Leben des heiligen Pfarrers von Ars
hilft uns, dies zu verstehen.
Der Pfarrer von Ars hatte einen Mann beobachtet, der regelmäßig
viele Stunden vor dem Tabernakel seiner Pfarrkirche verbrachte.
Eines Tages fragte er ihn: Weshalb kommen Sie so oft an diesen
Ort?
Der Mann antwortete ihm: Ich schaue ihn an, und er schaut mich
an; das
genügt. Welch ein schönes Zeugnis, liebe Brüder
und Schwestern! Ist dies nicht
eine wunderbare Definition des Gebetes?
3. Ein österreichischer Regisseur hat kürzlich
einen Film über das Gebet gedreht. Er
hat ihm den Titel gegeben Jesus, du weißt.
Der Film beobachtet Menschen, die beten, und lässt uns
ihre Gebete hören.
So sieht man z.B. eine Frau, die in eine leere Kirche eintritt.
Sie beginnt zu beten: Gelobt und gepriesen seist du, Herr,
im Heiligen Sakrament.
Jesus, du weißt, dass mein Mann deinen Willen in seiner
Krankheit nicht mehr erkennen kann.
Er wird unzufrieden, gibt sich wieder dem Alkohol hin und sitzt
von morgens bis abends vor dem Fernseher.
Wir können uns leicht in dieser Frau wiedererkennen. Auch
wir verspüren oft das
Bedürfnis, dem Herrn unser Herz auszuschütten.
Wir wissen, dass wir ihm alles
anvertrauen dürfen und er uns hört. So viele Menschen
fühlen sich einsam und
sehnen sich danach, mit jemandem sprechen zu können.
Diese Sehnsucht finden
wir auch in den Psalmen: Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir:
Herr, höre meine
Stimme! Wende dein Ohr mir zu, achte auf mein lautes Flehen!
(Ps 129)*
Oftmals ist das Gebet in der Tat zunächst ein Schrei, ein
Rufen.
Jemand äußert seine Sorgen, seine Fragen, sein Leid
und hofft, dass er gehört wird.
4. Liebe Brüder und Schwestern, ich möchte
Sie einladen, ein wenig mit mir über
das Gebet nachzudenken.
Gehen wir einfach von einem solchen Schrei aus.
Schauen wir ihn uns etwas näher an. Ich denke insbesondere
an den Schrei Jesu
am Kreuz: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
(Mk 15,34)
Jesus fühlt sich verlassen und schreit es hinaus. Sein
Vertrauen in den Vater
scheint jedoch nicht erschüttert, wenn er etwas später
sagt: Vater, in deine
Hände lege ich meinen Geist. (Lk 23,46).** Der anfängliche
Schrei entfaltet sich
zu einem vertrauensvollen Bekenntnis. Es ist, als hätte
er sich durch sein Leiden
hindurchgebetet.
Durch dieses Gebet Jesu wird etwas Wichtiges im christlichen
Gebet deutlich:
beten heißt mit Gott sprechen.
Jesu Gebet macht uns Mut, auch ein solches Gespräch mit
dem Vater zu wagen. Dieses Gespräch kann ein Wort des Lobes,
des Dankes, der Anbetung sein. Es kann aber genauso das Gespräch
eines Glaubenden sein, der Gott und die Welt nicht versteht,
der Gott Fragen stellt, der sich mit ihm auseinandersetzt, der
mit ihm ringt wie der Patriarch Jakob am Jabbok***,
wie der leidende Hiob, wie die Beter in zahlreichen Psalmen****
oder wie Jesus, der am Ölberg betete: Mein Vater, wenn
es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber.
Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst. (Mt 26,39)*****
* siehe auch Ps 5; 21; 27; 54; 60; 62; 76; 87; 101; 140; 141;
142.
** vgl. Ps 31,6
*** siehe Gen 32,23-33
**** siehe Ps 10; 13; 17; 22; 35 usw.
***** siehe Mk 14,32-42; Lk 22,39-46
5. Dieses Gebet Jesu am Ölberg lässt uns ein
weiteres Kennzeichen des christlichen
Gebetes erkennen.
Wer betet, erhält nicht notwendigerweise die Antwort, die
ererwartet.
Beten bedeutet in der Tat anerkennen, dass Gott größer
ist als wir und
dass seine Gedanken nicht unsere Gedanken sind.*
Beten wird dann zum Schweigen und Hören auf Gott.
Auf Gott hören kann im Lesen der Heiligen Schrift, im Gottesdienst,
im Bibelteilen, in Begegnungen und Ereignissen geschehen.
Gott kann uns dann ein Licht für unser Leben erkennen lassen
und unser Gewissen
erleuchten. Es kommt in der Tat vor, dass wir sagen: Dieses
oder jenes Wort aus
dem Evangelium habe ich jetzt so vernommen, als habe der Herr
zu mir ganz persönlich
gesprochen; denn mir ist in meiner ganz konkreten Situation
ein Licht
aufgegangen.
Ich möchte Sie noch auf einen anderen Ort aufmerksam machen,
wo Gott zu uns
spricht: die Schöpfung.
Jedes Geschöpf kann ein Weg zu Gott werden. Seien wir offen,
hellhörig und einfühlsam, um die Spuren Gottes in
den Schönheiten des Lebens erkennen zu können.
Welcher Abglanz Gottes kann doch in einem Gesicht, einem Blick
erstrahlen!
Aus dem schweigenden Hinsehen wird Staunen, Kontemplation, Schauen.
So viele Dinge, so viel Reichtum entgehen dem flüchtigen
Blick, offenbaren sich aber in der Betrachtung, im schweigenden
Schauen.
Dies gilt für all unsere Begegnungen und auch für
unsere Lektüre.
6. Liebe Brüder und Schwestern, ich möchte
noch eine Form des Gebetes hervorheben,
die wir zu vernachlässigen drohen.
Beten ist auch Gott in uns selber begegnen.
Gott ist nicht nur über uns oder vor uns; er ist ebenso
in uns. Jesus sagt uns:
Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein
Vater wird
ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.
(Joh 14,23)
Auch sagt Jesus, dass der Geist der Wahrheit bei uns und in
uns bleibt.**
Der Apostel Paulus ruft uns mehrfach in Erinnerung, dass der
Geist Gottes uns geschenkt
ist; er sagt sogar, dass wir der Tempel Gottes sind.***
Auf beeindruckende Weise spricht Paulus über das Gebet:
So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an.
Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen;
der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen,
das wir nicht in Worte fassen können.
Und Gott, der die Herzen erforscht, weiß, was die Absicht
des Geistes ist.
Er tritt so, wie Gott es will, für die Heiligen ein. (Röm
8,26 f.)
Die Heiligen, von denen Paulus spricht, sind die Christen.
In der Tat, in Taufe, Firmung und Eucharistie feiern wir, dass
Gott uns in seine Familie aufnimmt, dass er uns heiligt.
Wenn wir beten, können wir uns in die Kammer unseres Herzens
zurückziehen,
um jenem ständigen Gast in uns zu begegnen: Gott selber.****
7. Liebe Brüder und Schwestern, erlauben Sie mir,
Ihnen abschließend einige konkrete
Anregungen für das Gebet mit auf den Weg zu geben.
Den Erwachsenen und Jugendlichen möchte ich zutiefst
ans Herz legen, den
Vorsatz zu fassen, morgens oder abends eine Zeit für das
Gebet vorzusehen und
diesem Vorsatz treu zu bleiben.
Es ist heutzutage eine Notwendigkeit, seine Zeit gut einzuteilen,
denn es fehlt uns allen an Zeit.
Aus diesem Grund ist es sinnvoll, täglich fünf Minuten
für die stille Begegnung mit dem Herrn festzulegen.
Das ist ein bescheidener, aber sicherer Anfang. Ein Text aus
der Heiligen
Schrift, ein Gebet, das man in einem Buch oder einer Zeitschrift
gefunden hat,
können helfen, diese Zeit des persönlichen Gebetes
zu gestalten.
* siehe Jes 55,8
** siehe Joh 14,17
*** siehe Röm 5,5; 8,9-17; Kol 3,16 f.: 12,1-31
**** siehe Mt 6,6
Den Familien, insbesondere den Eltern jüngerer Kinder,
möchte ich dazu
raten, auf einfache und konkrete Weise gemeinsam zu beten, z.B.
abends.
Es gibt viele gute Veröffentlichungen, die dabei eine Hilfe
sein können. Darf ich
daran erinnern, dass das Vater Unser und das Gegrüßet
seist du, Maria, die
Grundgebete jedes Christen sind?
Den Gemeinden und Gruppen empfehle ich, während
der liturgischen Feiern
Zeiten der Stille für die innere Einkehr vorzusehen.
Ebenso lade ich dazu ein, sich auch außerhalb der Eucharistiefeiern
zum gemeinsamen Gebet zu versammeln oder zusammen den Rosenkranz
zu beten. Ich bin sehr froh, dass es in unserem Bistum viele
Gebetsgruppen gibt, die regelmäßig zu unterschiedlichsten
Gebetsformen einladen.
Eine letzte Anregung: Beginnen Sie ihre Versammlungen mit einem
Gebet,
denn es ist gut zu wissen und auszudrücken, dass der Herr
mit uns ist.
In den Dekanaten, Pfarrverbänden und Pfarren obliegt
es den Verantwortlichen,
im Rahmen des Jahres des Gebetes Initiativen zu ergreifen.
Ich möchte Sie, liebe Brüder und Schwestern, sehr
herzlich einladen, daran teilzunehmen.
8.
Das Jahr des Gebetes ist ein wichtiges Jahr, denn die Beziehung
zu Gott ist der
Mittelpunkt des Lebens der Kirche und jedes einzelnen Christen.
Für die Christen, für den persönlichen Glauben
und für den Glauben der Kirche ist es lebenswichtig, diese
Beziehung in ihrer ganzen Tiefe zu leben, auf sie zu achten
und im
persönlichen Gebet zu vertiefen.
Lassen wir also den Heiligen Geist in unserem Herzen beten,
denn Gott hat sein Ohr an unserem Herzen (Augustinus).
Ich wünsche Ihnen allen ein gutes und fruchtbares Jahr
des Gebetes.

Ihr Bischof
Aloys JOUSTEN
Dieser Hirtenbrief möge den Gläubigen in den Sonntagsgottesdiensten
am Wochenende des 26. / 27. November (1. Advent) zur Kenntnis
gebracht werden.
Dazu empfiehlt es sich, ihn ganz oder auszugsweise vorzulesen.
Es wäre wünschenswert, dass dieser Hirtenbrief den
Christen (u.a. in Form von Kopien) zur Verfügung gestellt
würde.
Dazu kann er in den Schriftständen der Gotteshäuser
ausgelegt werden.
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